Aktion PRO Mittelstand bei der Rauch GmbH & Co. KG

Am 1. Februar fand eine weitere Aktion PRO Mittelstand für mittelstandsfreundliche Rahmenbedingungen bei der Rauch GmbH & Co. KG in Freudenberg / Main statt. Die Teilnehmer des Austauschs gingen den Politikvertretern aus Bundes- und Landtag sowie aus der Region gegenüber insbesondere auf die Themen Verkehrsanbindung und Straßenzustand, Digitalisierung und Netzinfrastruktur sowie Energiekonzepte und Versorgungssicherheit ein.

Ziel der Veranstaltungsreihe Aktion PRO Mittelstand ist es, anhand eines konkreten Unternehmensbeispiels mit politischen Entscheidungsträgern aus dem Land, dem Bund und der EU über die Herausforderungen des industriellen Mittelstandes in Baden-Württemberg zu diskutieren.



Zunächst begrüßte der Vorsitzende des LVI-Arbeitsausschusses Mittelstand und Wirtschaftspolitik, Robert Schöttle, die anwesenden Politikvertreter Prof. Dr. Wolfgang Reinhart MdL, Dr. Hans-Ulrich Rülke MdL, Alois Gerig MdB sowie Vertreter aus Kreis- und Kommunalpolitik und betonte ein weiteres Mal die Bedeutung des Mittelstands in Baden-Württemberg. So gebe es (nach den Zahlen von 2012) in Baden-Württemberg lediglich rund 870 Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitern, die Zahl derer, die zwischen 10 und 49 Mitarbeiter beschäftigten, liege demgegenüber bei rund 35.200 Unternehmen. Auch zeigte er sich besorgt über die protektionistischen Entwicklungen in den USA, die für die Geschäftsentwicklung der Unternehmen nicht von Vorteil seien.

Der Hausherr, Michael Stiehl (Geschäftsführender Gesellschafter der Rauch GmbH & Co. KG und LVI-Vorstandsmitglied), ging in der Vorstellung seines Unternehmens bereits auf einige Herausforderungen ein, die sich dem Unternehmen stellten. So liege der Auslandsanteil des Unternehmens bei 35 Prozent, größter ausländischer Markt sei hierbei Großbritannien. Nach der Brexit-Entscheidung des vergangenen Jahres und wegen der Abwertung des Pfunds stelle sich das Unternehmen auf einen Rückgang des Umsatzes in Großbritannien ein.

Auch sei es für die Rauch Gruppe, die sich mit einem eigenen Zoo, Altenheim sowie betreutes Wohnen, einem Integrationsbetrieb und einem eigenen Museum in hohem Maße sozial engagiere, schwer, im ländlichen Raum geeignete Mitarbeiter zu bekommen oder diese aus den urbangeprägten Teilen des Landes abzuwerben. Auch habe das Unternehmen bereits eine Digitalisierungsstrategie erarbeitet, die nicht nur die vollautomatisierte Herstellung der Möbel, sondern ebenfalls den Vertrieb und die Kundenbindung umfasse. Neben dem sozialen Engagement hat sich das Unternehmen ebenfalls die Nachhaltigkeit groß „auf seine Fahnen geschrieben“. So war die Rauch Gruppe im Jahr 2014 Sieger des Deutschen Nachhaltigkeitspreises in der Kategorie mittelgroßes Unternehmen und ist mit zahlreichen Zertifizierungen und Prädikaten ausgestattet.



Nach einer Führung durch die Ausstellung der Produkte für die zweimal im Jahr stattfindenden Hausmessen erläuterte Michael Stiehl - unterfüttert mit einigen generalisierenden Anmerkungen der LVI-Vertreter - die Herausforderungen, denen sich sein Unternehmen, beispielhaft für viele mittelständische und kleine Unternehmen in Baden-Württemberg, tagtäglich stellen muss. Genannt seien hier insbesondere die Verkehrs- und Netzinfrastruktur, die Digitalisierung, die Versorgungssicherheit und Energiewende, die Nachhaltigkeit, die wachsende Bürokratiebelastung und schließlich die überregionale Zusammenarbeit.

Zunächst sprach er die Verkehrsanbindung und den Straßenzustand an. So sei die Firma Rauch nur entlang des Flusses Main in Richtung Aschaffenburg oder Wertheim zu erreichen. Während die Strecke Richtung Aschaffenburg/ Frankfurt auf bayrischem Gebiet hervorragend, teilweise sogar 4-spurig ohne Ortsdurchfahrten ausgebaut sei, sie die Verkehrsanbindung in Baden-Württemberg nach Wertheim über die L2310 „katastrophal“. Auf dieser Strecke laufe jedoch der komplette Zulieferbetrieb aus dem eigenen Spanplattenwerk mit 35 Lastzügen pro Tag, rund die Hälfte der Möbellieferungen an Handelspartner mit 25 Lastzügen pro Tag und die Hälfte der Warenlieferungen mit ca. 30 Lastzügen pro Tag. Da die Fahrzeuge an- und abfahren würden, ergebe sich somit eine Belastung von ca. 200 LKW-Bewegungen pro Tag. Darüber hinaus fahren über diese Strecke ca. ein Drittel der Beschäftigten der Rauch GmbH & Co. KG zur Arbeit, was eine zusätzliche Bewegung von ca. 500 PKW-Fahrten bedeutet. Die Landstraße 2310 sei so schmal, dass zwei LKWs sich kaum begegnen können. Außerdem sei der Fahrbahnbelag teilweise sehr wellig und beschädigt, was in den letzten Jahren zu mehreren Unfällen, teilweise mit tödlichem Ausgang, geführt habe. Auch sein Unternehmen habe bereits mehrere Mitarbeiter durch tödliche Unfälle auf dem Weg von oder zur Arbeit verloren.



Zum Thema Digitalisierung und Netzinfrastruktur führte Michael Stiehl aus, dass sein Unternehmen Bestandteil eines Konzernverbundes mit mehreren Standorten und Hauptsitz in Freudenberg/ Main sei. Zur rationellen Abwicklung seien die wesentlichen kaufmännischen Funktionen am Standort Freudenberg zentralisiert. Hier stehe auch das Rechenzentrum mit IT-Services der Gruppe, das für all Standorte zuständig sei. Ohne eine funktionierende IT könnten heute die Geschäftsprozesse nur noch erschwert durchgeführt werden. Erforderliche sei deshalb eine stabile Netzanbindung mit mindestens 100 MB/s. Nur so könnten die verschiedenen Standorte effektiv interagieren.
Derzeit erarbeite sein Unternehmen im Rahmen einer Digitalisierungsstrategie die Prozesse der Zukunft. Online-Schulungen mit Bild- und Videoverarbeitung, Echtzeit-Rendering von Produktkonfiguratoren für Endkunden, Rendering von 3D-Objekten zu fotorealistischen Darstellungen, Bereitstellung von Werbefotos für Handelspartner, Online-Montagehilfen für die Produktion, Abruf von Aufbau-Videos für Endkunden, etc. wesentliche Treiber für den steigenden Bedarf an Datenvolumen. Die LVI-Vertreter forderten daher, die Ausbauplanung der Netzinfrastruktur an den zukünftigen und nicht nur an den aktuellen Bedarfen auszurichten.



Mehrere Standorte der Rauch Unternehmensgruppe seien als energieintensive Unternehmen eingestuft und profitierten von einer Entlastung der EEG-Umlage. Würde diese wirtschaftlich notwendige Entlastung in der Zukunft entfallen, wären mindestens zwei der Standorte nicht mehr wettbewerbsfähig. Vergleichbare Unternehmen im Ausland, wie beispielsweise Polen, hätten dann neben ohnehin schon deutlich niedrigeren Lohnkosten auch noch deutlich niedrigere Energiekosten und könnten, trotz aller Effizienzbemühungen deutscher Unternehmen, deutlich günstiger anbieten. Die LVI-Vertreter appellierten daher an die Politikvertreter, die derzeitigen entlastenden Regelungen für stromintensive Betriebe vom Grunde und der Höhe nach beizubehalten.
Neben den Stromkosten sei die Verfügbarkeit ohne Ausfälle und Stromschwankungen eine wichtige Voraussetzung für eine wirtschaftliche Produktion. Die Rauch GmbH & Co. KG arbeite mit mehreren Maschinenstraßen in einem kontinuierlichen automatisierten Prozess. Größere Spannungsschwankungen oder gar Stromausfälle, auch im Millisekundenbereich, führten dazu, dass die Anlagen (teilweise zum Selbstschutz) in Störung gingen, die Anlagen leer gefahren und neu eingerichtet werden müssten. Das koste Personal und Fertigungszeit; zudem müssten auch die Teile, die zum Zeitpunkt des Ausfalls in der Anlage waren, vernichtet werden. Darüber hinaus gebe es heutzutage wesentlich feingliedrigere Produktions- und Maschinenverbindungen, die ein erneutes Hochfahren der Maschinen nach einer Stromschwankung erheblich erschweren und verzögern würden. So könne es in manchen Bereichen Tage dauern, bis nach einer Millisekunde Stromausfall die Maschinen wieder betriebsbereit seien, so die LVI-Vertreter weiter.



Im Bereich Nachhaltigkeit und Kaskadennutzung von Holz führte Michael Stiehl weiter aus, sei Holz sowohl für den Geschäftsbereich Spanplatten als auch für den Geschäftsbereich Möbel ein wesentlicher Rohstoff. Die regionale Verfügbarkeit sei dabei ein wesentlicher Faktor für Nachhaltigkeit und die Effizienz der Fertigung. Dabei steige die Nachfrage nach Holz auch in unserer Region, allerdings kann seine Produktion nur bis zu einem gewissen Grad weiter ausgebaut werden, sodass Prioritäten bezüglich möglicher Holznutzungen gesetzt werden müssten. Hierzu sei die Kaskadennutzung des Holzes ein wesentliches Instrument. Die Umweltauswirkungen seien dabei umso niedriger, je mehr Stufen einer möglichst hochwertigen stofflichen Nutzung aufeinander folgen, bevor das Holz energetisch genutzt werde. Gleichzeitig könnten Holzprodukte als vorübergehender oder, falls die stoffliche Nutzung von Holz allgemein zunehmen würde, sogar langfristiger Kohlenstoffspeicher dienen.



Beim Thema Bürokratieaufwand betonten Michael Stiehl und die LVI-Vertreter ein weiteres Mal die Bedeutung des industriellen Mittelstands in Baden-Württemberg als Motor für Beschäftigung und Wohlstand. Die Gewährleistung seiner Wettbewerbsfähigkeit sollte daher zentrales Anliegen bei der Gestaltung politischer und sozialer Rahmenbedingungen sein. Um diesen Prozess möglichst zielgerichtet zu gestalten, bedürfe es einer stetigen Überprüfung seiner sich ständig wandelnden Herausforderungen und Bedürfnisse.
Besonders gestiegen sind die Anforderungen an Dokumentationspflichten. Erforderliche Genehmigungen, Analysen und Zertifizierungen erhöhen den bürokratischen Aufwand, machen gerade mittelständische Unternehmungen unflexibel im Vergleich zum ausländischen Wettbewerb und produzieren Kosten, die die Unternehmen zu tragen haben. Daher sollten die jeweiligen Regelungen überprüft und auf ein vertretbares Maß reduziert werden, so die LVI-Vertreter einheitlich. Die One-in-one-out-Regelung sollte stärker beachtet und vielleicht sogar um eine one-in-two-out-Regelung ergänzt werden.

Schließlich beendete Michael Stiehl seine Ausführungen mit einem Beitrag zur überregionalen Zusammenarbeit in Grenzregionen. So liege der Hauptsitz der Firma Rauch in Freudenberg / Main direkt an der Grenze zu Bayern. Ungefähr 50 Prozent der Mitarbeiter kämen aus Bayern und zwei der vier Produktionsstandorte liegen in Bayern. Zu den bayrischen Zentren Aschaffenburg und Würzburg (jeweils mit Universitäten, IHKs, etc.) seien es ca. 40 bzw. 70 km, zum zuständigen Regierungspräsidium in Stuttgart jedoch 150 km. Auch sei die Straßenanbindung nach Bayern deutlich besser als nach Heilbronn oder Stuttgart. Daher sei ein Ausbau der Infrastruktur (Straße, Netze, etc.) sowie des e-Gouvernements hilfreich, um Behördengänge auf ein Mindestmaß reduzieren zu können.